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Zyklus, Neurodivergenz und Komorbiditäten: Wenn PMS, PMDS, Endometriose, ADHS, Autismus, Hypermobilität und Darmgesundheit kein Zufall sind

  • vor 6 Tagen
  • 14 Min. Lesezeit

Warum so viele weiblich sozialisierte Menschen an der Schnittstelle mehrerer Diagnosen leben – und warum das Medizinsystem das so lange nicht sehen wollte


Zyklus, Neurodivergenz und Komorbiditäten

Kennst Du das Gefühl, mit einer langen Liste von Beschwerden zum Arzt zu gehen – und mit dem unausgesprochenen Vorwurf nach Hause zu kommen, Du seiest entweder hypochondrisch oder „einfach gestresst"? Oder das Gegenteil: Du bekommst für jede Beschwerde eine eigene Fachrichtung, einen eigenen Facharzt, eine eigene Schublade – und niemand verbindet die Punkte? Die starken Regelschmerzen landen bei der Gynäkologie. Die Gelenke bei der Orthopädie. Die Bauchschmerzen bei der Gastroenterologie. Die Konzentrationsprobleme irgendwo zwischen Psychiatrie und Selbstzweifel.


Was, wenn diese Punkte verbunden wären? Was, wenn Dein Zyklus, Deine PMS-Beschwerden, Deine Erschöpfung, Deine überbeweglichen Gelenke, Deine Histaminintoleranz, Deine Reizdarmbeschwerden und Dein neurodivergentes Nervensystem Teile desselben großen, wenig verstandenen Mosaiks wären?


Dieser Artikel ist unser Versuch, dieses Mosaik sichtbar zu machen – mit dem, was die Wissenschaft bis heute weiß, mit dem, was wir aus Erfahrungsberichten ableiten können, und mit dem klaren Blick darauf, warum es so lange gedauert hat, bis jemand überhaupt zu fragen begann.



Inhaltsverzeichnis



Das große Schweigen: Warum Frauen so lange warten


Bevor wir in die Biologie einsteigen, müssen wir über ein strukturelles Problem sprechen. Medizinische Forschung ist historisch fast ausschließlich an männlichen Körpern durchgeführt worden. Noch bis in die 1990er Jahre schloss die NIH (National Institutes of Health) in den USA Frauen aus klinischen Studien aus, teilweise mit der Begründung, Hormonschwankungen würden die Ergebnisse „verunreinigen". Das Ergebnis: Jahrzehnte an medizinischem Wissen, das auf einem Körpermodell basiert, das für etwa die Hälfte der Bevölkerung gar nicht oder nur eingeschränkt passend ist..

Gender Data Gap

Dieser sogenannte Gender Data Gap – den die Journalistin Caroline Criado Perez in ihrem gleichnamigen Buch akribisch dokumentiert hat – wirkt sich direkt auf die Diagnosezeiten von Erkrankungen aus, die vor allem Frauen betreffen oder sich bei ihnen anders äußern. Autismus bei Frauen und Mädchen wird im Schnitt fünf Jahre später diagnostiziert als bei Männern und Jungs. ADHS bei Frauen wird häufig als Depression oder Angststörung fehldiagnostiziert. Das Lipödem wurde bis vor wenigen Jahrzehnten schlicht als „Übergewicht durch mangelnde und fehlende Disziplin und/ oder mangelndes Durchhaltevermögen" abgetan. Das Ehlers-Danlos-Syndrom gilt bei vielen Ärzt*innen noch immer als Rarität, obwohl aktuelle Zahlen etwas anderes nahelegen.

Wir haben für Euch recherchiert, was wissenschaftlich gut belegt ist, wo die Forschung noch in den Kinderschuhen steckt – und wo Erfahrungsberichte aus der Community Hypothesen aufwerfen, die die Wissenschaft bisher einfach noch nicht gestellt hat. Denn beides hat seinen Wert: die Studie und die Geschichte der Person, die sie erlebt.


Neurodivergenz – ein kurzes Glossar des Spektrums


Neurodivergenz ist keine Diagnose, sondern ein Oberbegriff für Gehirne, die anders funktionieren als das, was gesellschaftlich als Norm gilt. Dazu gehören Autismus-Spektrum-Störungen (ASS), ADHS (und das, was früher ADS hieß), Dyskalkulie, Dyslexie, Tourette-Syndrom – und, etwas umstrittener, auch die Hochsensibilität (HSP).

Die Hochsensibilität ist ein interessanter Fall: Elaine Aron, die Psychologin, die sie beschrieben hat, betonte ausdrücklich, dass sie nichts mit Autismus zu tun habe. Gleichzeitig zeigen neuere Perspektiven, dass die Überlappungen zwischen HSP-Fragebögen und Autismus-Selbsttest-Items erheblich sind – und dass „hochsensibel" für viele Menschen ein erster Schritt auf dem Weg zu einer späten Neurodivergenz-Diagnose war. Ob Hochsensibilität eine eigenständige neurologische Variation oder die Beschreibung eines Erlebens ist, das bei verschiedenen Neurodivergenzformen auftreten kann – diese Frage ist noch offen. Was klar ist: Menschen, die sich als hochsensibel beschreiben, erleben oft eine deutlich intensivere sensorische, emotionale und körperliche Wahrnehmung – und das ist für unser Thema hochrelevant.

AuDHS – der Neologismus für das gemeinsame Auftreten von Autismus und ADHS – wird zunehmend als eigenständiges Profil verstanden. Bei Kindern mit ASS liegt die ADHS-Prävalenz bei schätzungsweise 30 bis 80 %, und umgekehrt zeigen 20 bis 50 % der ADHS-Betroffenen autistische Züge. Die langen Jahre, in denen beide Diagnosen sich gegenseitig ausschlossen (erst mit dem DSM-5 von 2013 wurde das aufgehoben), haben viele Menschen in diagnostischen Lücken zurückgelassen.


Der Zyklus als Stimmungsbarometer – und seine neurodivergente Dimension


Zyklus und Neurodivergenz, ADHS, Autismus

Hormonschwankungen beeinflussen jeden weiblichen Körper. Bei neurodivergenten Menschen scheint dieser Einfluss jedoch erheblich stärker zu sein – und das hat konkrete biochemische Gründe.

Östrogen ist nicht nur ein Sexualhormon. Es moduliert Dopamin, Serotonin und Noradrenalin. Diese Neurotransmitter sind bei ADHS und Autismus charakteristisch dysreguliert – und zwar aus unterschiedlichen Gründen: Bei ADHS ist das dopaminerge System strukturell verändert, was bedeutet, dass Dopaminrezeptoren weniger empfindlich ansprechen und die Übertragung ineffizienter verläuft. Das führt zu den bekannten Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Motivation und Impulskontrolle. Bei Autismus ist das Bild komplexer: Serotonin- und Dopaminsystem sind gleichermaßen beteiligt, ebenso wie Glutamat, der wichtigste erregende Neurotransmitter des Gehirns. Vereinfacht gesagt: Das neurodivergente Gehirn hat ein besonders empfindliches neurochemisches Gleichgewicht – und Hormone verschieben dieses Gleichgewicht monatlich, erheblich und vorhersehbar.

Während der ersten Zyklusphase, der Follikelphase, steigt der Östrogenspiegel: Dopamin wird stärker ausgeschüttet, Konzentration und emotionale Stabilität verbessern sich. Viele Frauen mit ADHS beschreiben diese Phase als ihre produktivste – als die Tage, an denen alles irgendwie leichter geht. Nach dem Eisprung sinkt Östrogen, Progesteron übernimmt. Und Progesteron hat dämpfende, teils hemmende Effekte auf das Nervensystem – die positive dopaminerge Wirkung des Östrogens wird teilweise rückgängig gemacht. Die Lutealphase, besonders die Tage vor der Menstruation, wird für viele neurodivergente Frauen zur Krisenzeit: Konzentration bricht ein, emotionale Dysregulation eskaliert, sensorische Überempfindlichkeit nimmt zu.


PMS, PMDS und Endometriose – weit mehr als „die üblichen Beschwerden"

Das Prämenstruelle Syndrom (PMS) kennen viele. Die Prämenstruelle Dysphorische Störung (PMDS) kennen weitaus weniger – obwohl sie das Leben der Betroffenen massiv beeinträchtigt. PMDS ist keine dramatisierte Version von PMS, sondern eine eigenständige, anerkannte Erkrankung mit ausgeprägten Stimmungseinbrüchen, Angst, Reizbarkeit und körperlichen Symptomen, die typischerweise eine bis zwei Wochen vor der Menstruation auftreten und danach abklingen.

PMS, PMDS, Endometriose. Größeres Schmerzempfinden bei ADHS und Autismus

Studien zeigen, dass autistische Frauen deutlich häufiger an PMDS leiden als nicht-autistische: Eine Untersuchung von Lever und Gertz (2016) fand eine Rate von 21 % bei autistischen Frauen gegenüber 3 % in der Allgemeinbevölkerung. Eine andere Studie von Obaydi und Puri (2008) fand bei autistischen Frauen mit Lernschwierigkeiten sogar eine PMDS-Rate von 92 % gegenüber 11 % in der Vergleichsgruppe. Selbst konservativere neuere Schätzungen zeigen einen klaren Unterschied – und legen nahe, dass das neurodivergente Nervensystem auf hormonelle Veränderungen schlicht intensiver reagiert.

Manche Frauen berichten, dass ihre ADHS-Medikamente in der Lutealphase quasi nicht mehr wirken – ein Effekt, der pharmakodynamisch plausibel ist und von Forschung gestützt wird, aber in gynäkologischer und psychiatrischer Praxis noch kaum besprochen wird - geschweige denn, dass darauf mit passenden Maßnahmen reagiert wird.

Endometriose ist ein weiteres Kapitel, das in diesem Zusammenhang nicht fehlen darf. Dass Endometriose – genau wie PMDS und Dysmenorrhö – bei neurodivergenten Frauen häufiger oder schwerwiegender aufzutreten scheint, ist eine Beobachtung, die in der Community breit geteilt wird, wissenschaftlich aber noch kaum systematisch untersucht wurde. Wir halten das für eine dringend nötige Forschungsfrage.

Hinzu kommt ein weiteres, wenig diskutiertes Phänomen: Menstruationsschmerzen werden von autistischen Frauen intensiver wahrgenommen. Das hängt mit der sogenannten Interozeption zusammen – der Wahrnehmung körpereigener Signale. Neurodivergente Menschen haben oft ein atypisches interozeptives System: Manchmal nehmen sie Schmerzen gar nicht wahr, manchmal viel intensiver als andere. Bei Menstruationsschmerzen scheint letzteres zu überwiegen – was bedeutet, dass das, was Ärzt:innen als „übliche Dysmenorrhö" einordnen, für die Betroffene eine ganz andere Qualität hat.


Wechseljahre und Neurodivergenz: Eine Doppelbelastung

Was für den monatlichen Zyklus gilt, potenziert sich in den Wechseljahren. Neurodivergente Frauen in der Menopause berichten von einer massiven Verstärkung aller Symptome: stärkere sensorische Hypersensibilität, ausgeprägterer sozialer Rückzug, gravierendere Depressionen und erhöhte Suizidalität. Gleichzeitig sind Gynäkolog*innen in der Menopausenmedizin selten auf neurodivergente Patientinnen vorbereitet – was die Versorgungslücke weiter vergrößert.

Dazu kommt noch etwas, das wir gleich ausführlicher besprechen werden: das sogenannte Masking. Das Verbergen neurodivergenter Züge, das viele Frauen ein Leben lang betrieben haben, wird in der Menopause oft unmöglich. Der Hormonsturz nimmt die letzte Energie, die das Nervensystem für die Anpassungsleistung noch aufgebracht hat. Das autistische Burnout tritt ein – oft zum ersten Mal im Leben bewusst erlebt.


Masking: Die unsichtbare Erschöpfungsarbeit


Masking bei ADHS und Autismus

Masking, auch Camouflaging genannt, beschreibt das Verbergen oder Kompensieren neurodivergenter Verhaltensweisen, um sozial zu funktionieren und nicht aufzufallen. Es bedeutet z.B., Blickkontakt zu erzwingen, der sich unangenehm anfühlt. Mimik zu imitieren, die nicht spontan kommt. Impulsivität zu unterdrücken. Bewegungsdrang zu bändigen. Soziale Skripte auswendig zu lernen und perfekt abzurufen.

Neurodivergente Mädchen und Frauen sind darin statistisch besser als ihre männlichen Pendants – was einer der Hauptgründe für die späte Diagnose ist. Sie lernen früh, ihr “Anders-Sein” zu verbergen, weil die soziale Reaktion auf sichtbare Neurodivergenz bei Mädchen besonders sanktioniert wird. Das „stille, aber seltsame" Mädchen fällt weniger auf als der hyperaktive Junge – und bekommt deshalb seltener Hilfe.

Aber hier kommt eine Hypothese, die uns wichtig ist und die über die reine Neurodivergenzforschung hinausgeht: Weiblich sozialisierte Menschen maskieren ohnehin schon ihr ganzes Leben. Die Anpassung an eine männlich dominierte Leistungs- und Arbeitswelt ist für sie Standard. Freundlichkeit, wo Ärger wäre. Bescheidenheit, wo Selbstbewusstsein angebracht wäre. Funktionieren, wo Pause nötig wäre. Das Maskieren neurodivergenter Züge fügt sich dann oft nahtlos in dieses bereits bestehende Muster ein – als wäre es nur eine weitere Schicht der erwarteten Anpassungsleistung.

Unsere Hypothese: Diese Doppelbelastung – allgemeines weibliches Masking plus neurodivergentes Masking – könnte erklären, warum die Erschöpfung bei vielen Frauen so tief sitzt, warum Autoimmunerkrankungen und chronische Entzündungen häufiger auftreten, und warum das Burnout, wenn es kommt, so bodenlos ist. Chronischer Stress durch permanentes Masking hält das autonome Nervensystem in einem Dauerzustand der Aktivierung – und ein dauerhaft aktiviertes Immunsystem ist anfälliger für Fehlregulationen. Der Körper merkt, was wir dem Bewusstsein nicht zugestehen.


Das Bindegewebe als gemeinsamer Nenner: Hypermobilität und Ehlers-Danlos-Syndrom

Hier wird es besonders spannend – und die Zahlen sind alles andere als eine Randnotiz.


Das Ehlers-Danlos-Syndrom (EDS) und das Hypermobilitätsspektrum (HSD) sind

Komorbiditäten: Ehlers-Danlos-Syndrom und Hypermobilität bei ADHS

Bindegewebserkrankungen, die durch überbewegliche Gelenke, dehnbare Haut und eine Instabilität des gesamten Stützapparats charakterisiert sind. Der hypermobile Typ (hEDS) ist dabei der häufigste – und, praktischerweise für das Medizinsystem, der einzige ohne bisher bekannte genetische Ursache, was die Diagnosestellung erheblich erschwert.


Menschen mit EDS haben ein 7,4-fach erhöhtes Risiko für Autismus im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung. Das Risiko für ADHS bei EDS ist um das 5,6-fache erhöht. Rund 50 % der neurodivergenten Erwachsenen zeigen Gelenkhypermobilität, gegenüber ca. 20 % in der Gesamtbevölkerung. Und umgekehrt berichteten in einer großen Umfrage von 2025 knapp 49 % der hEDS-Betroffenen von mindestens einer neurodivergenten Diagnose.

Wenn fast jede zweite EDS-Betroffene auch neurodivergent ist, dann muss man sich ernsthaft fragen, warum das nicht Eingang in Screening-Protokolle findet und systematisch und klinisch Eingang findet in diagnostische Raster. Die Antwort ist unangenehm einfach: weil die meisten Betroffenen weiblich sind und weil ihr Körper und ihr Erleben historisch nicht als Forschungsgegenstand ernst genommen wurden.

Was könnte der Zusammenhang sein? Es gibt verschiedene Hypothesen und sie schließen sich nicht gegenseitig aus:


Hypothese 1:

Gemeinsame genetische Grundlage. Bindegewebe ist nicht nur in Gelenken – es durchzieht den gesamten Körper, einschließlich des Nervensystems und der Blut-Hirn-Schranke. Veränderungen in bestimmten Kollagengenen oder in den Genen, die Bindegewebsproteine regulieren, könnten sowohl die strukturelle Instabilität als auch neuronale Entwicklungsaspekte beeinflussen.


Hypothese 2:

Das autonome Nervensystem als Verbindungsglied. Hypermobile Menschen haben häufig ein dysreguliertes autonomes Nervensystem. Das Posturale Orthostatische Tachykardiesyndrom (POTS), das bei hEDS sehr häufig auftritt, ist ein Paradebeispiel: Der Körper schafft es nicht, den Blutdruck beim Aufstehen ausreichend zu regulieren. Ein dysreguliertes autonomes Nervensystem zeigt sich auch bei Autismus und ADHS – als chronisch erhöhter Grundstresslevel, als Schwierigkeiten mit Erholung, als überreaktives Reaktionssystem.


Hypothese 3:

Propriozeptive Dysregulation. Hypermobile Menschen haben eine schlechtere Körperwahrnehmung – sie wissen weniger intuitiv, wo ihr Körper im Raum ist. Das klingt harmlos, ist aber ein klassisches Merkmal, das sich auch bei Autismus und ADHS zeigt. Motorische Ungeschicklichkeit, Schwierigkeiten mit der Körperhaltung, Orientierungsprobleme – all das verbindet diese Diagnosen. Und es erklärt, warum so viele Betroffene berichten, dass sie sich in ihrem eigenen Körper fremd fühlen.

Für die Betroffenen bedeutet das konkret: Chronische Gelenkschmerzen, die als Faulheit und mangelndes Durchhaltevermögen missverstanden werden. Erschöpfung, die nicht durch Schlaf behoben wird. Ein Körper, der sich anfühlt, als würde er nicht richtig zusammenhalten – ein Gefühl, das metaphorisch auch für das Erleben von Neurodivergenz in einer neurotypischen Welt erschreckend gut passt.


Und das Lipödem?


Lipödem bei ADHS

Das Lipödem ist eine chronische Fettverteilungsstörung, die fast ausschließlich Frauen betrifft und durch eine schmerzhafte, druckempfindliche Ansammlung von Fettgewebe in Beinen, Hüften und manchmal Armen gekennzeichnet ist. Es ist genetisch bedingt, hormonell getriggert – oft in der Pubertät, Schwangerschaft oder Menopause – und wurde Jahrzehntelang mit Adipositas verwechselt, als solche beschämt oder ganz übersehen.

Die explizite Forschung zu Lipödem und Neurodivergenz ist noch sehr dünn. Was wir wissen: Forscher*innen vermuten, dass Progesteronmangel die Lipödem-Symptome verstärken kann – und Progesteron ist, wie wir oben beschrieben haben, auch neurochemisch relevant. Das Lipödem tritt außerdem häufig gemeinsam mit Bindegewebsschwäche auf, viele Lipödem-Patientinnen zeigen gleichzeitig Zeichen von Hypermobilität – womit der Kreis zurück zu EDS und Neurodivergenz geschlossen wird.

Viele Frauen mit Lipödem, die gleichzeitig auf dem neurodivergenten Spektrum sind, berichten von einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit, die den typischen Druckschmerz des Lipödems besonders intensiv macht. Ob hier ein direkter Zusammenhang mit neurodivergenter Schmerzverarbeitung besteht, ist noch nicht untersucht. Aber es wäre höchste Zeit, danach zu fragen.


Das Immunsystem im Aufruhr: Intoleranzen, Autoimmunerkrankungen und das Mastzellsystem


Hier betreten wir das Reich der besonders komplexen Zusammenhänge – und das der besonders häufigen Ablehnung/Skepsis durch das Medizinsystem.


Histaminintoleranz ist eine der häufigsten Unverträglichkeiten in der neurodivergenten Community. Histamin ist ein Neurotransmitter, der im zentralen Nervensystem eine Rolle bei Aufmerksamkeit und Wachheit spielt – bei ADHS gibt es Hinweise auf eine Dysregulation des Histaminsystems. Gleichzeitig sind Mastzellen, die Histamin ausschütten, überall im Körper verteilt, besonders dicht im Darm – womit der Bogen zur Darmgesundheit gespannt wäre.

Das Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS) ist eine Erkrankung, bei der Mastzellen unangemessen und übermäßig Mediatoren freisetzen – Histamin, Heparin, Prostaglandine – ohne dass ein klassischer allergischer Auslöser vorliegen muss. Die Symptome können sich als Hautreaktionen, Magen-Darm-Probleme, Kreislaufschwäche, Erschöpfung oder neurologische Beschwerden äußern, was die Diagnosestellung außerordentlich erschwert. MCAS wird häufig im Zusammenhang mit hEDS und POTS beobachtet – und in der betroffenen Community wird diese Dreierkombination schon seit Jahren unter dem Begriff „hEDS-POTS-MCAS-Trifecta" diskutiert, lange bevor die Forschung aufgeholt hatte.


Was Autoimmunerkrankungen angeht – von Hashimoto über rheumatoide Arthritis bis hin zu entzündlichen Darmerkrankungen – sehen wir ein ähnliches Muster: Sie treten bei Neurodivergenten häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung. Eine plausible Erklärung liegt in dem chronischen Stress, den das Masking, die Reizoffenheit und ständige Überreizung erzeugt, wie wir oben beschrieben haben. Ein dauerhaft aktiviertes Stresssystem hält das Immunsystem in einem Modus erhöhter Reaktionsbereitschaft – und aus erhöhter Reaktionsbereitschaft kann Fehlregulation werden.


Der Darm als zweites Gehirn – und seine Verbindung zur Neurodivergenz

Die Darm-Hirn-Achse ist eines der faszinierendsten Forschungsfelder der Medizin. Das

Der neurpdivergente Darm. Vermehrt Reizdarm bei ADHS

Darmmikrobiom – die Gesamtheit der Mikroorganismen im Verdauungstrakt – kommuniziert über den Vagusnerv, über Immunmediatoren und über die Produktion von Neurotransmittern direkt mit dem Gehirn. Rund 90 % des Serotonins im Körper wird im Darm produziert – nicht im Gehirn. Das gibt zu denken.

Die Zusammensetzung des Mikrobioms von Menschen auf dem Autismusspektrum unterscheidet sich nachweislich von nicht-autistischen Kontrollgruppen. Gastrointestinale Beschwerden – Reizdarm, Verstopfung, Durchfall, unklare Bauchschmerzen, Nahrungsmittelunverträglichkeiten – sind bei neurodivergenten Menschen außerordentlich häufig. Es ist ein zweischneidiges Schwert: Ein neurodivergentes Gehirn beeinflusst das Mikrobiom durch veränderte Ernährungsmuster, sensorische Lebensmittelvermeidung und Stresshormone – und ein atypisches Mikrobiom beeinflusst seinerseits Stimmung, Schmerzempfinden und Gehirnentwicklung.

Für den Zyklus schließt sich hier ein weiterer Kreis: Der Darm ist reich an Östrogenrezeptoren. Ein verändertes Mikrobiom kann die Östrogenrückresorption im Darm beeinflussen – das sogenannte Estrobolom, die Gesamtheit der darmbakteriellen Gene, die Östrogen metabolisieren. Ein dysreguliertes Estrobolom kann zu einem veränderten Östrogenstoffwechsel führen, was wiederum den Zyklus, die PMS-Symptomstärke und das hormonelle Gleichgewicht beeinflusst. 


Darm beeinflusst Hormone → beeinflusst Nervensystem → beeinflusst Darm. 


Systemisch, verschränkt, und von der Schulmedizin noch viel zu selten ganzheitlich betrachtet.


Schmerz, der nicht ernst genommen wird


Ein Thema, das alle bisher beschriebenen Bereiche verbindet:

Schmerzempfinden und seine gesellschaftliche Bewertung.


Neurodivergente Menschen haben ein atypisches Schmerzerleben. Manche berichten von einer Hyposensibilität – sie spüren Schmerzen kaum oder gar nicht, was gefährlich werden kann. Häufiger beschrieben wird jedoch eine ausgeprägte Schmerzsensitivität, die mit dem Begriff zentrale Sensibilisierung beschrieben wird: Das Nervensystem ist in einem Zustand erhöhter Bereitschaft, Schmerzreize werden verstärkt wahrgenommen und verarbeitet.

Bei EDS und Hypermobilität ist chronischer Schmerz eines der Leitsymptome. Bei Lipödem ist der typische Druckschmerz das charakteristischste Merkmal. Bei MCAS führen freigesetzte Mediatoren zu Entzündungsreaktionen. Bei Endometriose sind es die Zyklusschmerzen, die Betroffene oft jahrelang als „normal" einreden lassen.

Was diese Schmerzen verbindet: Sie werden systematisch unterschätzt. Studien belegen, dass Frauen bei gleicher Schmerzangabe weniger starke Analgetika verschrieben bekommen als Männer. Dass ihre Schmerzschilderungen schneller als übermäßig emotional eingestuft werden – als anxiogen, das heißt: als angstvermittelt oder psychisch bedingt, anstatt als körperlich real. Der schmerzhaft überbewegliche, neurodivergente, weiblich gelesene Körper hat in diesem System besonders schlechte Karten.

Neurodivergenz, Hypermobilität, PMDS, Lipödem, MCAS, Darmprobleme, chronischer Schmerz – nicht einfach Komorbiditäten sind, die zufällig zusammen auftreten

Das Bild, das sich abzeichnet – und eine große Hypothese


Wenn wir alle diese Punkte zusammenführen, entsteht ein Bild, das zwar noch nicht vollständig ausgemalt ist – aber erkennbare Konturen hat.

Es gibt eine Gruppe von Menschen – mehrheitlich weiblich sozialisiert, häufig spät diagnostiziert oder noch gar nicht – deren Körper ein komplexes, miteinander verschränktes System zeigt: ein neurodivergentes Nervensystem, das intensiver auf Reize und auf Hormonschwankungen reagiert; ein Bindegewebe, das weniger strukturelle Stabilität bietet und damit Gelenke, Gefäße und den Magen-Darm-Trakt beeinflusst; ein Immunsystem, das in einem Zustand erhöhter Aktivierung ist und zu Intoleranzen, Mastzellüberreaktion und Autoimmunprozessen neigt; und ein Hormonsystem, das all das moduliert und monatlich neu kalibriert.

Der Zyklus ist dabei nicht nur eine monatliche Beschwerdequelle – er ist ein Fenster. Er zeigt, wie das Nervensystem, das Immunsystem und das endokrine System miteinander kommunizieren. Und für Menschen, die in mehreren dieser Kategorien gleichzeitig leben, ist der Zyklus oft der präziseste Biomarker, den sie haben.


Unsere Hypothese: 

Es könnte sein, dass all diese beschriebenen Phänomene – Neurodivergenz, Hypermobilität, PMDS, Lipödem, MCAS, Darmprobleme, chronischer Schmerz – nicht einfach Komorbiditäten sind, die zufällig zusammen auftreten. Es könnte sein, dass sie Symptome einer gemeinsamen, tiefer liegenden Ursache sind: einer Dysregulation des Bindegewebes, des autonomen Nervensystems und des Immunsystems, die genetisch bedingt und hormonell moduliert ist und durch eine Welt, die weiblich sozialisierte Menschen zur permanenten Anpassung zwingt, chronisch verstärkt wird.

Das wäre ein Paradigmenwechsel. Einer, den die Forschung noch nicht vollzogen hat – aber einer, der das Leben so vieler Betroffener vollkommen verändern würde.


Was denkst Du dazu? Erkennst Du Dich in Teilen dieses Musters wieder? Wir würden uns sehr freuen, von Euren Erfahrungen in den Kommentaren zu lesen – denn die Geschichten der Community sind oft der erste Schritt, aus dem später Forschung wird.


Was bedeutet das praktisch?


Wenn Du Dich in diesem Text wiedererkennst – in einer dieser Diagnosen, in mehreren oder in dem Gefühl, dass „irgendetwas" zusammenhängt, das noch keinen Namen hat – dann bist Du nicht allein. Und Du übertreibst auch nicht.


Ein paar Dinge, die sich aus dem aktuellen Forschungsstand ableiten lassen:
  • Zyklustracking lohnt sich. Nicht als Verhütungsmethode, sondern als Symptomtagebuch. Wenn Du Muster erkennst – bestimmte Tage im Zyklus, an denen Konzentration, Schmerz, Verdauung, Stimmung oder Gelenke sich verändern – sind das relevante Informationen für Dich und für Fachleute.


  • Fragst Du Dich, ob Du hypermobil sein könntest? Der Beighton-Score ist ein einfacher klinischer Test zur Einschätzung der Gelenkhypermobilität. Eine Überweisung zur Humangenetik oder zu einer EDS-spezialisierten Sprechstunde kann sinnvoll sein, wenn Du wiederkehrende Gelenkbeschwerden hast, die keine andere Erklärung finden.


  • Somatische Komorbiditäten ernst nehmen. Wenn Du eine Neurodivergenz-Diagnose hast, frag aktiv nach Screening auf körperliche Begleiterkrankungen. Und wenn Du körperliche Beschwerden hast, die nicht erklärt werden können, erwähne ruhig, wenn Dir Neurodivergenz-Muster vertraut sind.


  • Das Mikrobiom als Ansatzpunkt. Auch wenn die Forschung noch am Anfang ist: Darmgesundheit ist bei neurodivergenten Menschen ein valides Thema. Eine Überweisung zu einer ernährungstherapeutisch geschulten Fachkraft kann sinnvoll sein, wenn Unverträglichkeiten oder chronische Darmprobleme bestehen.


Gesellschaftskritisches Nachwort


Wir schreiben diesen Artikel als Plädoyer. Für eine Medizin, die weiblich sozialisierten Menschen endlich mehr glaubt. Die Zyklusgesundheit als klinisch relevante Säule der Information ernst nimmt. Die bei neurodivergenten Patient*innen nicht nur nach dem Offensichtlichen sucht, sondern auch nach dem, was darunterliegt. Die aufhört, Schmerzen wegzuerklären.


Und als Plädoyer für Euch: Ihr dürft die Verbindungen ziehen. Ihr dürft sagen: Ich glaube, das hängt zusammen. Ihr dürft Euch informieren, hartnäckig sein, die richtige Fachperson suchen. Und ihr dürft Euch gegenseitig glauben – denn die Erfahrungsberichte der Community haben historisch oft der Forschung vorausgegriffen.




Quellen und weiterführende Literatur


Wissenschaftliche Quellen:

  • Breidenstein, E. (2022). ADHS bei Frauen, spezifische Auswirkung von Hormonen und Menstruationszyklus. Journal für Gynäkologische Endokrinologie/Schweiz, 25, 210–213. https://doi.org/10.1007/s41975-022-00254-y

  • Roberts, B., Eisenlohr-Moul, T. & Martel, M. M. (2018). Reproductive steroids and ADHD symptoms across the menstrual cycle. Psychoneuroendocrinology, 88, 105–114.

  • Lever, A. G. & Geurts, H. M. (2016). Psychiatric co-occurring symptoms and disorders in young, middle-aged, and older adults with autism spectrum disorder. Journal of Autism and Developmental Disorders.

  • Obaydi, H. & Puri, B. K. (2008). Prevalence of premenstrual syndrome in autism. The Journal of Obstetrics and Gynaecology, 28(6), 612–613.

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  • Deutsche Ehlers-Danlos-Initiative e.V. (2025). Neurodivergenz bei EDS. https://ehlers-danlos-initiative.de

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Bücher und Essays:

  • Criado Perez, C. (2019). Invisible Women: Exposing Data Bias in a World Designed for Men. Chatto & Windus.

  • Aron, E. N. (1996). The Highly Sensitive Person. Broadway Books.


Weiterführende Ressourcen:


Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden oder Verdacht auf eine der genannten Erkrankungen und Beschwerdebilder wende Dich an einen qualifizierten Therapeutin oder Ärztin.

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